Ruth Engelhard: Pionierin des Frauensports

Ein fiktives Interview mit der Hürdenläuferin und Weltrekordlerin 

Im Sommer 1928, als Ruth Engelhard, geb. Becker (1909-1975) in das Haus im Hochsitzweg in Berlin-Zehlendorf einzog, war die Studentin der Berliner Hochschule für Leibesübungen gerade zum ersten Mal Deutsche Meisterin im Hürdenlauf geworden. Hier in der eben fertiggestellten Waldsiedlung Onkel Toms Hütte des Architekten Bruno Taut wohnte sie zusammen mit ihren Eltern, der Malerin Ella Becker und dem Maler und Studienrat Leo Heino Becker-Berke sowie ihrer jüngeren Schwester Gisela, bis sie 1932 den Mittelstreckenläufer Hermann Engelhard heiratete. Später zog sie mit ihrer Familie nach Darmstadt. 

Im Juli 1952 begleitete Ruth Engelhard als Trainerin der Deutschen Hürdensprinterinnen ihre Mannschaft zu den Olympischen Spielen in Helsinki. Anschließend besuchte sie ihre Eltern in Berlin. Der Reporter Georg Reimer vom Berliner Sportspiegel traf die Olympiatrainerin und ehemals populäre Weltrekordläuferin im sommerlichen Kieferngarten und befragte sie nach ihren Jugenderinnerungen an die wichtigen Jahre, die sie in diesem Haus verbrachte. 

Ruth Engelhard, das ist ein Name, den viele noch aus Ihrer aktiven Zeit als Leistungssportlerin kennen. Nun waren Sie bei den Olympischen Spielen in Helsinki auch als Trainerin der Deutschen Hürdensprinterinnen wieder erfolgreich. Ihre Mannschaft hat in der 4×100 Meter Staffel die Silbermedaille geholt und Marie Sander gewann Bronze im 80 m Hürdenlauf, in der Disziplin also, in der Sie 1934 den Weltrekord bei den 4. Frauen-Weltspielen in London liefen. Wie war das damals für Sie? Wie haben Sie den Lauf im White City Stadion und ihren Sieg erlebt? 

Den Weltrekord zu laufen, das war ein fantastisches Erlebnis! Ich war gut, das wusste ich, aber ich war vorher auch ziemlich nervös, wir alle waren es. Meine Konkurrentinnen in diesem Endlauf waren alle herausragende Läuferinnen, Taylor, Atkins, Green, Clark, Webb. Zuerst gab es einen Fehlstart. Vielleicht hat mir der das nötige Adrenalin verschafft, denn beim zweiten Start hat alles großartig für mich geklappt. Ich konnte mich sofort an die Spitze setzen und ich lief die 80 Meter so schnell, wie noch nie, in 11,6 Sekunden. Das war nicht nur Weltrekord, sondern auch meine persönliche Bestzeit. Ich war wirklich sehr glücklich! 

Dennoch tragen Sie nicht den Titel einer Olympiasiegerin. 

Da haben Sie leider Recht. Die Zulassung von Frauen zu den Olympischen Spielen entwickelte sich nur ziemlich schleppend. 1922 wurde zum ersten Mal in Paris eine Frauen-Olympiade veranstaltet mit Teilnehmerinnen aus Italien, Schweden, Norwegen und England. Deutschland war allerdings so kurz nach dem Krieg noch gesperrt. 

Aber das Olympische Komitee unter seinem Gründer Baron Pierre de Coubertin intervenierte, und die kommenden Veranstaltungen 1926 in Göteborg, 1930 in Prag und 1934 in London durften sich nicht “olympisch nennen. 

Das war ein schwerer Rückschlag für den Frauensport. Es ist kaum vorstellbar, wie starr manche Leute damals noch waren. Der deutsche Sportfunktionär Karl Ritter von Halt sagte noch in den 1920er Jahren, dass die Idee des Wettkampfs nur etwas für Männer und den Frauen ganz wesensfremd sei. Wir Sportstudentinnen haben uns mächtig darüber aufgeregt! Aber schließlich haben wir uns doch durchgesetzt. Die Frauen-Spiele waren dann wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Teilnahme von Athletinnen. In London kamen wir Sportlerinnen bereits aus 19 Nationen zusammen. 

Mit welcher Begründung wurden Frauen eigentlich von Sportwettbewerben ausgeschlossen? 

Es herrschte eine weitverbreitete Ansicht, Sport sei medizinisch gesehen schlicht schädlich für Frauen. Körperliche Anstrengung bis zur Verausgabung sollte möglichst vermieden werden. Das wurde aber schließlich endgültig widerlegt. 

Die Geschichte des Sports mit den vielen Vereinsgründungen seit der Jahrhundertwende spiegelt natürlich auch verschiedene gesellschaftspolitische Entwicklungen wieder. Darunter den Wandel des Frauenbildes und der Frauenrechte. 

Immer wieder wurde auch angeführt, Frauen verlören durch den Sport ihre “natürliche Anmut

Es gab leider immer wieder Gegner des Frauensports, aber noch mehr Förderer und eben Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, Frauen-Sportvereine gründeten und bald auch eigene Sportfeste und Wettkämpfe ausrichteten. 

Sie wurden 1909 geboren. Wie kamen Sie zum Sport? 

Meine Eltern waren begeisterte Sportler. Meine Mutter war im ersten Charlottenburger Frauen-Schwimmverein SV Nixen. Als wir klein waren, gingen wir mit ihr in die Badeanstalt am Kochsee. Der ist heute leider zugeschüttet. Später hat mein Vater mich und meine Schwester zum SC Brandenburg Berlin mitgenommen. In der Mädchenabteilung machten wir vor allem Turnen, Gymnastik, Übungen mit dem Rhönrad, das damals ganz neu war. 1924 kam ich dann zur Leichtathletik. Besonders gern mochte ich den Waldlauf. Wir trafen uns zum Training am Auerbachplatz in Grunewald und liefen dann oft bis zur Havel und zurück. 

Dann hatten Sie hier in der Onkel-Tom-Siedlung direkt am Grunewald und an den Seen ja ideale Trainingsbedingungen. 

Ja, das stimmt wirklich! Und in zwanzig Minuten ist man mit der U-Bahn am Wittenbergplatz. Allerdings sind wir erst 1928 aus Charlottenburg hierher gezogen. Da wurde die Siedlung hier ja überhaupt erst gebaut. Wir gehörten zu den ersten Bewohnern, während südlich der Argentinischen Allee noch eine große Baustelle war. 

Die Onkel-Tom-Siedlung gehörte zu den ersten Gartenstädten in Berlin. Das Konzept des Architekten Bruno Taut war ziemlich avantgardistisch. 

Waldsiedlung Onkel Toms Hütte von Bruno Taut, 1926-28. Foto: Ulrike Alber-Vorbeck

Meine Eltern gehörten als Künstler dieser Bewegung ja selbst an. Sie liebten unsere Siedlung, die farbigen Häuser zwischen den Kiefern und Birken, die Krumme Lanke hinten im Wald. Im Sommer ging meine Mutter täglich schwimmen. Im obersten Stockwerk richteten meine Eltern sich ein Atelier zum Malen ein. Meine Mutter hat frei gearbeitet und mein Vater hat als Lehrer am Gymnasium Kunst und Zeichnen unterrichtet. 

Wie war es, hier zu leben? 

Als wir hier einzogen, war ich neunzehn. Ich studierte an der Hochschule für Leibesübungen. Es war eine schöne und aufregende Zeit für mich! Hier in der Nachbarschaft wohnten viele interessante Menschen, Künstler wie meine Eltern, Schauspieler, Theo Lingen zum Beispiel wohnte zwei Straßen weiter. Auch viele junge Leute lebten hier. Einige meiner Freundinnen studierten, so wie ich. Wir gingen abends ins Kino vorne in der Ladenstraße an der U-Bahnstation oder zum Tanzen in das Ausflugslokal Onkel Toms Hütte im Wald Richtung Krumme Lanke, das dem Viertel ja den Namen gegeben hat. Dorthin kamen Leute aus der ganzen Stadt, auch viele bekannte Persönlichkeiten, Theaterleute, Politiker und auch Sportler. Das war immer interessant für uns. 

An wen erinnern Sie sich? 

Ich erinnere mich an Max Schmeling, den Boxer und an den Trabrennfahrer Charlie Mills. Philipp Scheidemann habe ich auch gesehen, er war ja eine Persönlichkeit. Und viele Filmleute kamen, zum Beispiel die Schauspielerin Anny Ondra. Meine Schwester ging zu der Zeit schon auf die Schauspielschule und war ganz verrückt nach Theater. Deswegen weiß ich, dass auch Bert Brecht oft da war, auch Claire Waldorff und Joachim Ringelnatz. Ihm haben unsere bunten Häuser bestimmt gefallen. 

Die Häuser der Onkel-Tom-Siedlung war manchen aber auch zu “ungemütlich“, zu wenig wohnlich, zum Beispiel wegen der flachen Dächer. 

Der “Zehlendorfer Dächerkrieg” ist in die Architekturgeschichte eingegangen. Unsere Häuser waren ganz modern und sachlich. Vorbei war die “Plüschsofaherrlichkeit“, das passte hier einfach nicht. Rundum in Zehlendorf, Dahlem und Schlachtensee gab es ja die schönen Villenviertel. Und darin auch Häuser von den heute berühmten Architekten der Moderne Ludwig Mies van der Rohe, Richard Neutra, Peter Behrens, Alfons Anker und den Brüdern Luckhardt. Dafür interessierten sich meine Eltern sehr. 

Die Siedlung war aber nicht nur ein baukünstlerisches, sondern auch ein gesellschaftliches Projekt. 

Auf Gemeinschaftsgefühl wurde Wert gelegt. Seit 1930 veranstaltete der Siedlerverein das jährliche Fischtal-Fest und sammelte Geld für soziale Zwecke. Es gab einen Festumzug, bei dem auf einem Wagen ein riesiger Fisch aus Pappmaché, ein Wels vielleicht, durch die Straßen gezogen wurde. Und es gab Puppentheater und Windbeutel Essen und zum Abschluss ein wundervolles Feuerwerk und einen Fackelzug im Fischtalpark. Die ganze weitere Nachbarschaft kam da zusammen. Das waren wirklich sehr schöne und stimmungsvolle Feste und wir lernten viele Nachbarn kennen. 

Soziales Engagement war also wichtig. Wie war das denn 1929 als die Weltwirtschaftskrise kam. Haben Sie die Auswirkungen wahrgenommen? 

Ja natürlich. Doch immerhin hatten die meisten Menschen hier ihr Auskommen, ihr Haus und ihren Garten. Aber die politischen Spannungen waren zunehmend zu spüren. Hier wohnten viele Sozialdemokraten, zum Beispiel der Gewerkschaftsveteran Felix Hoffmann. Man sprach sogar von der “roten Festung“ rund um den U-Bahnhof. Anfang der 1930er Jahre lieferten sich die Roten immer wieder Straßenkämpfe mit der SA Zehlendorf. Wenn ich mit der U-Bahn von der Hochschule aus Charlottenburg nachhause kam, war mir manchmal ganz schön mulmig. 

Für Sie persönlich waren diese Jahre auch von anderen wichtigen Dingen geprägt. Von ihrer Ausbildung zur Diplom-Sportlehrerin zum Beispiel und von Ihren sportlichen Erfolgen. 

Ja, 1928 wurde ich in Frankfurt am Main zum ersten Mal Deutsche Meisterin über 80 Meter Hürden. Und 1933 und 1934 wieder. 1932 lief ich mit der 4×200 Meter Staffel in Neurössen bei Leuna den Weltrekord. Und 1934 kam eben der Weltrekord in London. Das war wirklich ein einmalig schöner Erfolg! 

Sie waren in dieser Zeit richtig populär. Es gab sogar Sammelbilder von Ihnen, zum Beispiel war Ihr Portrait ein Motiv der Serie “Moderne Schönheitsgalerie“ in der vornehmlich Film- und Bühnenstars wie Greta Garbo, Lilian Harvey und Marlene Dietrich vertreten waren. 

Das war schon drollig! Es gab aber auch Bilder, die mich als Sportlerin zeigten, im Lauf oder im Sprung über die Hürde. Aber es ist wahr, als blonde Athletin passte ich wohl auch äußerlich gut ins Bild dieser Zeit. 

Zu den Olympischen Spielen 1936 waren zum ersten Mal auch Frauen zugelassen. Sie waren damals aber nicht mehr dabei. Sie hatten 1932 ihren Mitstudenten, den Mittelstreckenläufer Hermann Engelhard geheiratet und 1936 bekamen Sie ihren ersten Sohn. 

Ich hätte natürlich sehr gern als Wettkämpferin teilgenommen. Unsere Hochschule für Leibeserziehung, übrigens die erste Sporthochschule der Welt, lag seit 1925 auf dem Gelände des Deutschen Sportforums mit dem alten Stadion. Da hatten wir fast täglich trainiert. Direkt daneben entstand nun das neue Olympiastadion. Carl Diem, dem wir eng verbunden waren, gehörte nicht nur zu den Mitbegründern unserer Schule, er war auch maßgeblich an der Planung der Spiele 1936 beteiligt. Zum Beispiel initiierte er zusammen mit Theodor Lewald erstmals den Olympischen Fackellauf von Griechenland zur jeweiligen Austragungsstätte der Spiele. Diese beeindruckende Tradition gibt es immer noch. 

Ihr Mann Hermann Engelhard, Mittelstreckenläufer und einer der Leistungsträger der deutschen Leichtathletik, nahm 1936 leider auch nicht mehr teil. 

Hermann ist immer ein begeisterter und sehr talentierter Sportler gewesen. Bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 durften erstmals nach dem Ersten Weltkrieg wieder deutsche Athleten teilnehmen. Er gehörte dazu und gewann über 800 Meter die Bronzemedaille und mit seiner 4 x 400 Meter Staffel Silber. 1928 lief er die Weltjahresbestzeit über 400 Meter. Er war die große Hoffnung der Deutschen Olympiamannschaft mit Blick auf die Spiele 1932 in Los Angeles. Bis zu seinem schweren Unfall. Beim Boxtraining erlitt er durch einen unglücklichen Sturz einen Schädelbasisbruch und fiel für einige Tage ins Koma. Danach erholte er sich glücklicherweise schnell wieder.  Doch an seine alten Leistungen konnte er nicht mehr anknüpfen. Stattdessen begann er seinen Weg als Olympiatrainer und als Vereinssportlehrer beim SV Siemens Berlin und wir heirateten und gründeten eine Familie. 

1937 haben Sie Berlin dann verlassen und sind als Verbandssportlehrer nach Stuttgart gegangen, später nach Darmstadt, wo Sie jetzt leben. 

Richtig. Aber wir kommen immer wieder gern nach Hause nach Berlin und in den Hochsitzweg. Und wir sind beide dem Olympischen Sport verbunden geblieben. Es ist wunderbar, dass jetzt in Helsinki wieder eine Deutsche Frauen-Mannschaft dabei sein konnte und ich sie trainieren durfte. Wenn ich auch schon lang nicht mehr bei Wettkämpfen an den Start gehe, so fühle ich mich doch als Pionierin des Frauensports. Darauf bin ich wirklich stolz! 

Quellen: www.dog-darmstadt.org