Klang des Westens

Unsere Wahrnehmung von Musik ist von Machtverhältnissen geprägt. Das beweist ein Blick in die Geschichte des Berliner Phonogramm-Archivs.

Bildquelle: Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin

“Zur Abwechslung kommen verschiedene Häuptlinge zu Besuch. Ich hole meinen Phonographen heraus. Erst wurden den Eingeborenen Lieder vorgeführt, dann mussten die Leute singen. Langsam, ganz leise und schüchtern hub der eine und der andere an. Doch die böse fremdartige sprechende Maschine war unheimlich”, so beschreibt es der Ethnologe Leo Frobenius 1907 während einer Forschungsexpedition in West-Afrika. Frobenius war einer von vielen Forschungsreisenden, die Anfang des 20. Jahrhunderts Musik aus aller Welt aufnahmen und diese dem Berliner Phonogramm-Archiv zur Verfügung stellten. Heute zählt das Archiv über 150.000 Aufnahmen und ist somit eines der größten und bedeutendsten Musikarchive der Welt. Die Reiseberichte von Menschen wie Frobenius erzählen jedoch nicht nur die Geschichte der Archivierung von Klängen, sondern auch eine Geschichte des Rassismus und Kolonialismus, der unsere Welt sowie unsere Wahrnehmung von Musik bis heute prägt.

Mit der Erfindung des tragbaren Grammophons konnten flüchtige musikalische Vorführungen erstmals reproduzierbar gemacht werden. Um die Aufnahmen zu bewahren, entstand das Berliner Phonogramm-Archiv. Seine Gründer, Erich Hornbostel und Carl Stumpf, wollten mit den gesammelten Aufnahmen die Ursprünge der Musik verstehen. Bereits mit dem Begriff Ursprung entstand dabei eine Hierarchie zwischen der westlichen und nicht-westlichen Welt. In Reiseberichten von Forscher*innen in Afrika spiegelt sich dieser Eurozentrismus in deren Wahrnehmung von Musik wider.  Für sie steht die afrikanische Musik als primitive Kunstform am Anfang, die sich mit der Zeit in die kunstvolle europäische Musik entwickelt. Damals entstanden Theorien über die musikalische Natur der Afrikaner*innen, die den tief verankerten Rassismus der deutschen Forscher*innen offenbaren. Hornbostel, der heute als Begründer der vergleichenden Musikwissenschaft gilt, stellt damals Theorien über die “außergewöhnliche Musikalität”, die “besonderen rhythmischen Fähigkeiten” und das gute “Tempo-Gedächtnis” der Afrikaner*innen auf. So beschreibt er in seinen Reiseberichten: “Menschen, die Melodien singen, nicht Töne zusammen und Punkt gegen Punkt setzen, können es nur so, wie es ihre Natur es erlaubt. Das Lied ist, wie die Sprache, tönende Gebärde, von der der Glieder ursprünglich nicht gelöst.” In Hornbostels Augen war Musik für Afrikaner*innen die pure Improvisation und Ausdruck des Körpers. Europäische Musik hingegen definiert sich über die Loslösung des Körpers.

Der Musikethnologe Florian Carl fasst Hornbostels Theorien in etwa so zusammen: Die Europäer*innen haben es geschafft, sich von ihren natürlichen musikalischen Trieben zu lösen und eine Musik zu begründen, die einen universalen und übernatürlichen Charakter erhalten hat – eine absolute Musik. Eine Vermischung der verschiedenen musikalischen Traditionen ist für Hornbostel damals ausgeschlossen. Die Sorge, die Reinheit der Musik der verschiedenen Rassen zu verlieren, war zu groß. Damit bildete sich eine Hierarchie zwischen Kultur auf der einen und Naturvölkern auf der anderen Seite heraus. “Am Anfang war der afrikanische Körper und am Ende der europäische Geist”, kritisiert Florian Carl die damalige Auffassung. Die Geschichte dieser Aufnahmen ist eine Geschichte, in der Afrikaner*innen selbst nie zu Wort kommen. Der Phonograph repräsentiert die kulturelle Aneignung afrikanischer Musik im materiellen Sinne. Zwar sind die Aufnahmen heute von großer Bedeutung, da sie Klänge aus Kulturen wiedergeben, die sonst verloren gegangen wären. Doch Carl betont auch, dass die Authentizität dieser Aufnahmen in Frage gestellt werden können, wie diese Momentaufnahme von dem deutschen Ethnologen Karl Weule während seiner Reise 1908 in Ost-Afrika zeigt: “Man hat den Sänger vor den aufgebauten Apparat gestellt, hat ihm klar gemacht, wie er den Kopf halten muss, und dass er stets genau in die Trichterachse hinein zu singen hat.”            

Doch warum ist die Geschichte des Archivs noch heute relevant? Was sagen uns die Machtverhältnisse von damals? Die Entstehung von Wissen ist niemals objektiv, Wissen und Macht können deshalb nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Das gilt auch für Musik und deren Erforschung. Die Machtverhältnisse haben sich heute verändert. Die Hierarchien bleiben aber die gleichen. Die klare Trennung von europäischer/westlicher gegenüber nicht-westlicher Musik besteht noch heute. Was heute als Weltmusik bezeichnet wird, lebt von dieser Hierarchie, da sie westliche Musik nicht miteinschließt. Somit entstehen Fremdbeschreibungen und Bilder nicht-westlicher Musik, die Beziehungen und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Musiktraditionen ausschließen. Diese klare Abgrenzung lässt den Mythos des Exotischen, authentischen Anderen in der Musik bestehen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Magazin “BE LONGING”, das im Rahmen des Mentorenprintprojekts im Wintersemester 2019/20 unter Leitung von Wolf Kampmann von den Studierenden des Jahrgangs 17 produziert wurde. Das gesamte Heft gibt es als PDF auf der Seite des Studiengangs.