Ringbahnmelodie. Ein Reisebericht

Rillenplatten und Aufmerksamkeitsfelder. Bildquelle: Sarah Kailuweit

Roswitha tritt aus der letzten Tür der S-Bahn auf den Bahnsteig, läuft zwei Schritte, dreht sich um und wartet. Die gelben Binden um ihre Oberarme weisen sie als Blinde aus. Routiniert faltet sie beidhändig ihren langen, weißen Blindenstock zusammen. Roswitha (80) ist kindheitsblind, riecht nicht und hört nur auf dem linken Ohr. Sie fährt trotzdem Bahn – nicht viel, aber regelmäßig. Heute fahren wir zusammen Ringbahn.

Der Faltstock klappt auf und wir spazieren Arm in Arm über den Bahnhof Westkreuz Richtung Treppe. Oben drückt uns kalte Zugluft ins Gesicht, rauschende Bahnen, quietschende Gleise: “Eingefahrener Zug auf Gleis 11: S 41 Ringbahn über Westend, Gesundbrunnen, Ostkreuz.” Wir steigen ein. “S 41, zurückbleiben bitte.”

Der Raum um uns verbreitet Informationen primär visuell: Richtungen, Warnungen und Orientierungspunkte werden schriftlich angekündigt. So verhält es sich auch bei Ankündigungen bei der Bahn: Ankunftszeit, Zuglänge, Verspätungen, Änderungen im Fahrplan durch Störungen.

“Nächste Station: Messe Nord ICC, Übergang zur U-Bahn-Linie zwei, zum Zentralen Omnibusbahnhof ZOB bitte hier aussteigen, Ausstieg links.”

Roswitha lauscht aufmerksam den Ansagen. Sie weiß, dass wir in einem relativ leeren Zug sitzen, denn die elektronische Stimme ist gut verständlich und hallt durch den Waggon. Die Bahn bremst, unsere Oberkörper kippen leicht nach vorne. Von einem mechanischen Klappern begleitet, schieben sich die Türen auf. Die akustische Welt des Bahnsteigs öffnet sich: Gespräche, raschelnde Kleidung, irgendwo fahren Autos, an einem anderen Gleis quietschen die Bremsen einer Bahn. Laut ertönt das tutende Signal, bevor die zwei Türseiten ruckartig zusammenklatschen. Ein helles Summen begleitet den anfahrenden Zug, während wir leicht in die Sitze gedrückt werden. Wir spüren die Sonne auf unseren Gesichtern und das rhythmische Schaukeln über die Gleise in unseren Körpern.

“Nächste Station: Gesundbrunnen, Übergang zu den S-Bahn-Linien 1, 2, 25, 26, zur U-Bahn-Linie 8 und zum Regional- und Fernverkehr, Ausstieg rechts.”

Um als Blinde alleine Bahn fahren zu können, braucht es diese akustischen Ansagen, aber auch genaue Vorbereitung und ständige Konzentration. Bahnhöfe, die Roswitha alleine betreten will, müssen zuerst mit Hilfe einer sehenden Begleitperson erkundet werden. Schritte werden gezählt und Wegeleitsysteme mit dem Blindenstock ertastet. Rillenplatten und Aufmerksamkeitsfelder ziehen sich über die meisten Bahnhöfe Berlins, aber lange noch nicht überall. Erst diese Orientierungshilfen erlauben Blinden einen selbstständigen Zugang zu öffentlichen Räumen. Für Sehende dienen die dünnen Streifenstraßen auf dem Bahnsteig als Markierung, wo man nicht stehen sollte, wenn Züge einfahren. Die silbern glänzenden oder noppig gewellten quadratischen Aufmerksamkeitsfelder werden leicht als Schachtabdeckungen interpretiert. Roswitha aber sagen sie, dass sich in ihrer Nähe eine Treppe oder ein Aufzug befindet, bzw. dass sich dort etwas befindet. Um was genau es sich handelt, muss erzählt werden oder gewusst sein.

“Nächste Station: Frankfurter Allee, Übergang zur U-Bahn-Linie […], Ausstieg links.”

Der Waggon ist mittlerweile voller Menschen, und die Ansagen werden teilweise verschluckt. Mehrere Gesprächsfetzen begleiten unsere akustische Reise und geben uns Einblicke in andere Welten. Stimmen sind Roswithas Zugang zu Menschen, ihr erster Eindruck. Und im Gegensatz zur äußerlichen Erscheinung sind sie oft ungeschminkt ehrlich. Sie ist überzeugt davon, dass ihr die meisten Mitmenschen helfen wollen, oft aber nicht wissen wie. In überfüllten Bahnen fragt sie manchmal: „Ist hier irgendwo ein Sitzplatz?“, und schnell ruft jemand: „Ja, hier!“ Das ist nett, aber: Wo genau? Vor Roswitha? Hinter ihr? Rechts oder links? Unwissenheit behindert uns.

“Nächste Station: Treptower Park, Übergang zu den S-Bahn-Linien 8, 85 und 9, Fahrgäste nach Flughafen Schönefeld steigen bitte hier um. Ausstieg links.”

Irgendwo hinter uns im Waggon lacht eine Frau, die Türen gehen auf und die lachende Stimme verschwindet im Rauschen des Bahnhofs. Ein Presslufthammer knattert. Er ist so laut, dass selbst das Türschließsignal übertönt wird, bis das klatschende Schließen den Lärm endlich aussperrt. Baustellen, von Natur aus provisorisch, sind gefährlich für Roswitha. Vertraute Wege ändern sich plötzlich und das Hörvermögen wird eingeschränkt.

“Nächste Station: Tempelhof, Übergang zur U-Bahn-Linie 6. Endstation: Bitte alle aussteigen.” Irritiert stehen wir auf, treten über die Lücke (“Bitte achten Sie auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante”) auf die Plattform, drehen uns um und bleiben vor dem leeren Waggon stehen. “Der eingefahrene Zug endet hier, bitte nicht einsteigen.” Das Türschließsignal ertönt, die Türen schieben sich ineinander. Wir hören das helle Brummen der Beschleunigung, spüren die Zugluft, und dann ist es leise. Unsere Stimmen hallen jetzt, ohne Metallwand vor unseren Köpfen, anders: dünner und klarer. Wir warten. Keine weitere Ansage verrät, warum diese Ringbahn eine Endhaltestelle hatte. Oder warum wir in Tempelhof gestrandet sind. Und wann die nächste S 41 kommen wird. Hinter uns fahren Züge ein, Türen öffnen sich, Menschen laufen, Türen schließen sich und Züge fahren wieder weg. Wir stehen und lauschen dem Rauschen der Stadt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Magazin “BE LONGING”, das im Rahmen des Mentorenprintprojekts im Wintersemester 2019/20 unter Leitung von Wolf Kampmann von den Studierenden des Jahrgangs 17 produziert wurde. Das gesamte Heft gibt es als PDF auf der Seite des Studiengangs.