die Type: Emily Gilmore

Sailor Moon, R2-D2 oder die Tigerente – es gibt Figuren der (Pop)Kultur, die uns besonders geprägt haben – und auch heute noch Idole sind. Unserer Textkategorie „die Type“ ist die Ahnengalerie von Praxis. Hier sammelt sich, wer Einfluss hat und hatte: Held*innen des Alltags und Lieblingsbösewichte. Egal, ob aus Film, Serie, Buch, Comic oder Hörspiel. Wir zeigen, welche Fiktionen uns gefärbt haben und warum.

Illustration: Sarah Kailuweit

Wessen Lilien blühen besonders schön? Wer hat die teuersten Kerzenständer und die vermutlich größte Auswahl elitärer Damenkostüme (natürlich die von St. John – ein Rock unter 800 US-Dollar kann schließlich gar nicht gut sein) im Kleiderschrank? Es ist Emily Gilmore. Sie funkelnder Stern in sonnenlosen Stunden: Ihre verbalen und mimischen Erwiderungen krönen jede Konversation. Allerdings ist die Fernsehserie Gilmore Girls nicht gut gealtert. Was 2000 als Feminismus daherkommt, glänzt schnell mit einem ignoranten Weltbild. Ja: Frauen und ihre Entwicklungen stehen im Mittelpunkt der Serie und der Bechdel-Test kann sich entspannt zurücklehnen. Das ist viel wert. Aber: Gilmore Girls spielt in einer kleinen amerikanischen Blase, wo Minderheiten zwar mal eine Nebenrolle abbekommen, insgesamt jedoch unsichtbar gemacht werden. Eine Serie über die “Achterbahnfahrt Leben” weißer Amerikanerinnen. Gab es das nicht schon mal? Ach, egal. Mit einem: “Niemand ist perfekt”, will man verzweifelt sein Herbstwohlfühlprogramm verteidigen, aber Emily Gilmore widerspricht: Wenn etwas nicht vollkommen brilliert, fehlt es an Motivation (und/oder Geld). Emily hat beides.

Emily Gilmore ist detailverliebt, übergriffig und weiß es besser. Sie ist aber auch gebildet, engagiert und loyal. Zuerst tritt Emily vor allem als corporate wife auf, definiert sich also über den beruflichen Status ihres Ehemanns. Sie atmet, um das Leben ihrer Familie zu festigen. Das heißt: Cocktail- und Dinnerpartys organisieren, einen perfekten Haushalt überwachen, wöchentliche Friseur- und Maniküretermine, soziales Engagement in verstaubten Vereinen und bei Bedarf eine perfekte Fassade, gegen die keine Abrissbirne eine Chance hat. Außenwahrnehmung ist schließlich alles, und so zeigt sich jeder Winkel der Gilmore-Residenz so perfekt wie ein Jacob Van-Es-Stillleben. Emily nippt an ihrer Porzellantasse, und im Hintergrund huscht mal wieder ein neues Dienstmädchen vorbei, weil das letzte einfach zu laut atmete.

Sogar Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge wäre imponiert von Emily Gilmore und ihren perfekten Manieren. Wer sich den Etiketten entzieht, erntet schnell die strafenden Blicke der Gilmore-Hausherrin: “Ist das wirklich notwendig?” – “Nein, natürlich nicht. Es kommt nie wieder vor”, will man entschuldigend hauchen, um dann doch noch ein weiteres Hummerhäppchen vom Silbertablett zu stibitzen.

Wer an Gilmore Girls denkt, denkt zuerst an Lorelai, die aufgeputscht von fatalen Mengen Koffein durch die amerikanische Kleinstadt fegt, und an ihre Tochter Rory, die nicht weniger überzeichnet über den Bildschirm flitzt wie ihre schlagfertige Mutter. Die wahre Königin der Serie (Emily Gilmore natürlich) scheint zwischen all den Popkultur-Referenzen ihrer Tochter und ihrer Enkelin erstmal ermüdend spießig, glänzt dann aber mit Vielschichtigkeit und ebenso scharfen Pointen. Gilmore Girls bedeutet: sehr unterschiedliche Lebensentwürfe und gleicher Kern. Umso frustrierender für Emily, immer wieder am Mutter-Sein zu scheitern. Sie wünscht sich die emotionale Nähe, die Lorelai und Rory teilen, aber verzweifelt immer wieder an der Sturköpfigkeit der eigenen Tochter – auch, weil sie selbst ebenso eigensinnig ist. Während Lorelai, dank endloser Pointen und Chunkfood-Passion ab Episode 1 von allen geliebt wird, muss Emily erst beweisen, dass auch sie Empathie und Anerkennung verdient hat. Schließlich wird sie zuerst als kalte Drachenlady gezeichnet, die in der Erziehung ihrer freiheitsliebenden Tochter alles falsch gemacht hat. Es ist fast erlösend mitzuerleben, dass Emily unter ihrer Schwiegermutter leidet. Nichts, was sie tut (egal ob Abendessen oder Handtuchwahl), ist gut genug. Sehr zu Freude von Lorelai, die das Spiel kennt – wenn auch normalerweise von einer anderen Position aus. 

Die Momente, in denen man Emilys Menschlichkeit bewundert und vor Freude schluchzen will, bauen sich zwar sensibel auf, verschwinden dann innerhalb eines Szenenwechsels aber wieder. Stattdessen verblüfft sie immer wieder mit elaborierten Manipulationen ihrer Mitmenschen, die den Con-Artist Danny Ocean wie ein Anfänger aussehen lassen. Emily ist quasi die menschliche Version der griechischen Göttin Echidna: Führerin und Grenzgängerin, liebevoll und gnadenlos. Der*die Zuschauer*in findet sich so schnell in Lorelais schnurrenden Katzenpantoffeln wieder: fassungslos und mit dem Bedürfnis, die fehlende mütterliche Zuwendung mit Essen zu stopfen. Emily wendet sich dagegen Dingen (und Menschen) zu, die sie kontrollieren kann. Mutter-Tochter-Beziehungen sind kompliziert – egal, wie stark die jeweiligen Lebensentwürfe auseinanderdriften: Platz für Konflikt ist immer.

Von Emily Gilmore kann man lernen, dass Worte Macht haben, Loslassen manchmal keine Option ist und, dass Kerzenständer immer exakt 15,24 cm voneinander entfernt stehen müssen. Warum? Das ist eben so. Jemand noch ein Hummerhäppchen?