• 528 frage ich. 582 sagt er. Ich steige ein. Eigentlich kann ich mir kein Taxi leisten. Leer sind die Strassen. Rechts blinken unzählige winzige Lichter in der Nacht. 1:30 zeigt die Anzeige der Uhr, 18 das Taxometer. Zwanzig Minuten später heute, ok ja? Habe noch einen Fahrgast, telefoniert er. Eine Frauenstimme wiederholt zwanzig Minuten ok, ja, ok. Thai Massage steht auf dem Display. (fh)
  • Postkarte, Liepnitzsee, 1. August: Die Tatsache, dass in der Bahn Fahrräder übereinandergestapelt werden, um alle Ausflugswilligen unterzubringen, hat uns nicht ausreichend beunruhigt. Aber am Ufer wird wieder gestapelt. Wir traben weiter durch den Wald und finden ein Gewässer, dass auf Google Maps nur „Seechen“ heißt. Hier: ein schmaler Steg und ein verlassenes Ruderboot, in dem wir den restlichen Tag nackt sitzen bleiben. (sk)
  • Eine Minute vor Mitternacht stürmt Polizei in die REWE-Filiale an der Prenzlauer Allee, und die Anführerin der drei Uniformierten ruft in die Halle: "Hier wurde ein Überfall gemeldet." Achselzucken von Kunden und Verkäuferin: "Hier war nüscht." – "Aber jemand von Ihnen muss doch den Überfallknopf betätigt haben?" – "Ick hab hier keenen", sagt die Verkäuferin und kassiert seelenruhig weiter ab. (angro)
  • Postkarte München, Sonntag, 12:30 Uhr: Im königlichen Hirschgarten trägt man Tracht. Und Maske. Die darf am Tisch abgenommen werden, um Bier und Haxe in die Mundhöhle zu schieben. 70 Prozent der Biergartenbesucher*innen sind betrunken. Wir werden belächelt mit unserer Weißwurstfrühstückbestellung. Gut, dass die Blaskapelle anfängt zu tröten. Ein Gruppenname leuchtet von den Notenständern: „Blechreiz“. (sk)
  • Postkarte Arneburg/Elbe, 20. Juli 2020: Die Frau in der Touristeninformation am völlig leeren Marktplatz, die zu der durchnässten Wanderin sagt: "Taxi für Sie gibt es hier nicht, die werden für Dialysepatienten gebraucht." (angro)
  • 1000 g Mehl, 800 ml Wasser, 30 g Salz. Widerspenstig versucht der Teig, an meinen Fingern kleben zu bleiben. Ich lasse ihn durch meine Hände wandern, werfe ihn vor und zurück, falte und lasse ihn ruhen. So verbringen wir den Rest des Tages miteinander. Nur mit sanften Händen lässt er sich formen. Jede falsche Bewegung hinterlässt Spuren. (sazo)
  • Große Tropfen prasseln vom Himmel herunter, treffen erst auf das Jeanshemd, bevor sie die Birkenstöcke glitschig werden lassen und schließlich den Asphalt erreichen. Hemd aus, Schuhe in die Hand, weiterlaufen. Links Menschen, unter einem Vordach, trocken. In ihren Blicken mischt sich Erheiterung mit Mitleid und Bewunderung. (kla)tschnass
  • Zwei musizierende Flaneure ziehen durch die Straßen. Der Alte hat vor dem dicken Bauch ein Akkordeon, der Junge spielt Trompete. Aus den Fenstern ringsherum recken sich die Köpfe. Eine alte Frau auf dem Balkon klatscht beseelt. Nebenan hüpft ein Kind im Takt der Musik. Ein letzter Tusch, ein letzter Applaus. Das Duo biegt um die Ecke. Morgen kommen sie wieder. (als)
  • Normalitätsupdate: Das schlechte Gewissen bei der Online-Shoppe ist verflogen, allabendlicher Applaus, Trinkgeld und kontaktlose Übergabe an der Haustür ebenso. Der einst systemrelevante Lieferheld auch, Pakete landen nun konsequent zwei bis zwanzig Häuser weiter, die Benachrichtigung wird per Brief zugestellt. Immerhin. (brk)
  • Pfrrrtz. Ein dicker Klecks Desinfektionsgel landet auf den faltigen Händen der Großmutter. Noch einmal: Pfrrrtz. Jetzt ist die Mutter dran. Während die Hände den Klecks verteilen, schmatzt es. Fehlt nur noch das Kind. Pfrrrrrrrrttzzz! Unter fröhlichem Glucksen landet die Hälfte im Buggy. (als)
  • Katharina Grosse denkt in Farben und in großen Bögen. Es ist Malerei, die sich schon lange von der Leinwand emanzipiert hat. Ihre Ausstellung It Wasn't Us ist bis zum 10. Januar 2021 in und um den Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. (angro)
  • Hamsterkauf-Update: Im Real Ring-Center II herrscht Gefasstheit, das Einkaufsradio ist hier noch nicht dem Zynismus in der Songauswahl anderer Märkte verfallen. Die Einkaufswagenpflicht erschwert Abstandsgebote in den Gängen und erneut zeigt sich, was deutsche Seelen wirklich brauchen: TELEFUNKEN LED 80CM SMART HD TV und KATJES WUNDERLAND DEUTSCHLAND WEINGUMMIS SIND AUSVERKAUFT. (brk)    
  • Hamsterkauf: Kaufland Victoria Center Berlin. Das Regal für die Bio-Brotbackmischung Energiebrot vegan ist leer, im Einkaufsradio erinnert Coldplays Smash-Hit "The Scientist" daran, dass niemand gesagt hat, es würde einfach werden. (brk)
  • "Lille, komm da runter!" – die Stimme der Barfüßigen klingt streng. Lille will nicht. Sie thront mit verschränkten Armen auf dem Schoß von Käthe Kollwitz und streckt der anderen die Zunge raus. "Lille!" Keine Reaktion. "Ich sag’s Papa." Lille guckt unsicher. "Papaa, wir sind bei Käthe Kollwitz!" Langsam rutscht Lille die Statue runter. Die Barfüßige triumphiert: "Das ist nichts für Babys!" (als)
  • "Sind Sie nicht zu alt für Flutschfinger?", fragt das Kind. Seitdem die bohrende Frage nach erwachsenem Eis. Klar, Schlumpfeis ist für Kinder. Mokka für Erwachsene. Vanille ist erwachsener als Erdbeere, und Amarena-Kirsch schmeckt erst mit grauem Haar. Doch was ist mit Heidelbeer-Butterkeks oder Zitrone-Minze? Eiskalt erwischt. (als)
  • Zwei Männer stehen im Aufzug zum S-Bahn-Gleis. "Wir haben Corona!", schreit der kleinere durch seinen Mundschutz. Der größere drückt vehement auf den Aufzugsknopf. Die Frau, die ihren Sohn auf dem Rad hineinrollen will, sieht erstaunt zu, wie sich die Tür vor ihr schließt. "Gestern waren bestimmt neun Leute im Aufzug", sagt der Kleine. Zufrieden fassen sich die zwei an ihre Käppis und nicken sich zu. (nischa)

  • 05.06.20: Beauty / Healthcare / Baby: Zopfhalter. Tiernahrung / Tabak / Drogerie / Haushalt: KLC.Toipa3lg. Fashion / Accessoires: TL He.Retro3er. Mopro / Kaese / Eier: KBio.ESL-Milch 3,8, KLC.Schni. 125g. Nahrungsmittel: KLC.Fusilli, KLC.Studentenfutt., Corny Schoko-Bana., KPesto Genovese, K.Pesto Calabrese. Suesswaren: Kinder Riegel. Summe: 28,52. (sk)
  • Gegen Abend geht uns im Garten die Waldohreule auf den Geist, weil sie unsere dystopischen Diskussionen mit ihrem traurigen Fiepen beständig zu illustrieren versucht. Dass es eine Asio otus ist und ihr Fiepen Ausdruck der Bettelflugphase eines Jungtiers, wissen wir freilich nur von einer App. (angro)
  • Der Blick aufs Handgelenk verrät, dass seine Zeit abgelaufen ist. Stumm treffen sich Blicke, bevor einer aufsteht und sich räuspert. Gehen. Für nichts anderes scheint jetzt der Moment zu sein. Oder bleiben, doch dafür ist es schon zu spät. Keiner regt sich, beide zögern. Wer ist jetzt dran? Der eine kneift die Lippen zusammen, der andere denkt nur noch an sie. Erwartungen stehen im Weg. (lite)
  • Eine Frau setzt sich mir gegenüber. Ich ziehe meine Beine angespannt zurück.  Eine Träne verschwindet unter ihrer Maske. Sie sieht mich an. Ihre Augen strahlen eine Sehnsucht aus. Eine Sehnsucht nach Erinnerungen, die schon längst in den tiefen Winkeln ihres Gedächtnisses verschwunden sind. Was bleibt, ist ihre Suche nach einer Vergangenheit, die sich nicht mehr zurückholen lässt. (sazo)
  • Gegenüber liegt Tarantino. Um ihn ist es still geworden – in ihm auch. Tarantino ist verschlossen, verhangen, verwahrlost. Es regt sich nichts. Da sind Poster seiner Filme, aber keine Handlungen. Da stehen Tische und Stühle, aber kein Publikum. Tarantino ist eine Bar – und zu. Es knallt nichts außer dem Geschirr beim Vietnamesen nebenan. (bal)
  • An einer Ecke Kreuzbergs macht ein Plakat durch seinen rätselhaften Charakter auf sich aufmerksam. In Fraktur geschriebene Worte breiten sich wie Städtenamen auf einer Landkarte aus und überschneiden sich manchmal. "Einzeltäter", sagen sie. 193 Mal "Einzeltäter". 193 Mal markieren sie, wo seit 1990 in Deutschland rechte Opfer ermordet wurden. Seit Hanau sind es elf mehr. (ft)
  • Designerschwarze Masken und OP-grüne. Masken mit Punkten, mit Streifen, mit Gummis, mit Schleifen. Und darüber: müde Augen und verweinte. Grimmig dreinschauende und pollenrote. Glücklich glänzende und konzentrierte. Maskenhafte Gesichter. (als)
  • Der Weg von der S-Bahn zum Olympiabad ist ein Gang durch eine Diktatur, unendlich lange Wege, riesige Räume, bis man – inzwischen zu einem ganz kleinen Insekt geschrumpft – am Eingang zum Bad ankommt und jegliches Selbstbewusstsein verloren hat. Kann ich überhaupt noch schwimmen? (angro)
  • Sie tat es schon vor der Isolation, vor der Langeweile, vor der Transformation von Hefe zum Luxusgut. Und manchmal macht die Ungewissheit, ob es gelingt, sie immer noch nervös. Sie geht mit ihren kräftigen Händen in den Teig, ist ganz nah bei ihm und schenkt ihm ihre Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, er werde geschmeidig und glatt. Aber er ist anspruchsvoll und widerspenstig, oft sogar nachtragend. Also weiterkneten. (vb)
  • Das sanfte Einrasten des Schlosses, als die Haustür hinter mir zufiel, gab den Auftakt für die Sintflut. Wie auf Knopfdruck begannen literweise dicke, warme Regentropfen aus dem Himmel zu fallen, der sich zu später Stunde orange färbte. Binnen Sekunden begannen die Straßen, die Gehwege und Autos spiegelgleich zu glänzen. Die Luft, dick und feucht, färbte sich für einen Wimpernschlag lang Gold.
  • Eben noch saßen wir im Ufercafé. Richtungslos und gelangweilt. Aber wir mochten unsere Langeweile – und lachten viel. Lachten einfach so, über dies und das. Und gerade, als wir endlich übereinkamen, dass an diesem Leben absolut gar nichts mehr zu machen sei, schwamm draußen eine Ente gegen den Strom, kämpfte, breitete ihre Flügel aus und flog weg. Eine Ente! Da schämten wir uns. (tah)
  • jetzt, wo die schritte begrenzt sind, ihr echo / die frage nach dem sinn / allen treibens heraufsteigen lässt / aus dem morast / greift um sich das haltlose / nach jedem verdorrten schilf / die ursuppe, sie schluppt / und zieht vergnügt / ihre blasen / gewiss, der untergang / noch jeden anfang überschattend / ist immer unser hüter (jasch)
  • Der bordeauxrote Pass, der, um bei dem windigen Wetter nicht wegzufliegen, mit einem Stein beschwert auf einer Yogamatte liegt, die einer Frau gehört, die mit angestrengtem Gesicht meditierend vor einem an die Mauer eines Hauses in der Linienstraße gelehnten Schild sitzt, auf dem "GEGEN IMPFPFLICHT!" steht. (angro)
  • Homeoffice With A View: Die Balkonmauer, mein Stehpult, breit genug für ein Notizbuch und ein schmales Tablet – mit Aussicht auf alles und jeden in meiner kleinen Straße, besonders auf die Köpfe der Passanten, die direkt unter ihr herlaufen (wobei das manchmal keine schönen Aussichten sind, aber niemand kann sich sein Haupthaar aussuchen und darin liegt schon fast etwas Grundgerechtes). (ls)
  • Homeoffice With A View: Die Balkonmauer, mein Stehpult, breit genug für ein Notizbuch und ein schmales Tablet – mit Aussicht auf alles und jeden in meiner kleinen Straße, besonders auf die Köpfe der Passanten, die direkt unter ihr herlaufen (wobei das manchmal keine schönen Aussichten sind, aber niemand kann sich sein Haupthaar aussuchen und darin liegt schon fast etwas Grundgerechtes). (ls)
  • Location unknown, 1956 © Estate of Vivian Maier, Courtesy Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, New York.
  • Teile der aktuellen Ausstellung Vivian Maier – Works in Color übersetzt das Amsterdamer Fotografie-Museum Foam digital auf seinem Instagram-Channel. Die erst nach ihrem Tod 2009 berühmt gewordene amerikanische Nanny und Inkognito-Straßenfotografin ist hier mit ihren Colorworks zu sehen. IG @foam_amsterdam #vivianmaier #foamathome (reis)  
  • Der schwer gebeugte alte Mann, der mit abgewetzter Aktentasche und vollem Einkaufsbeutel von REWE kommend die Grellstraße überquert und dabei im Rhythmus seiner Schritte ein beständiges "Arschficken, Arschficken" unter der Maske hervorstößt, als treibe ihn die Sprache an, schneller nach Hause zu kommen. (angro)
  • Gewissheit und Vermissen im Zweikampf. Der Blick schweift über den Hinterhof zur Seitenstraße. Jedes beleuchtete Fenster, die Musik in den Wohnungen der Nachbarn, die kalte Luft, alles eine unerwünschte und gleichzeitig willkommene Ablenkung. Noch ein Schluck Rotwein. Die Gedanken schweifen zu schönen Erinnerungen, zu Freunden. Der Moment ist vorbei. (kla)
  • ∞ Vor oder in, Stunden oder Tage. Eigentlich egal, wo alles zu einem Meer von Gegenwart geworden ist. Als Trost bleibt die Hoffnung, dass die Zeit, die für die einen verschwimmt, sich für andere verfestigt – als gewonnene Lebenszeit. Eine Stunde, ein Tag, ein Jahr, ein Leben – egal. Hauptsache ein kleines bisschen mehr. Dann wird es das alles wert gewesen sein. Wenn es irgendwann wieder Zeit gibt. (sera)