• Bei REWE im Prenzlauer Berg: Die Verkäuferin, die eine Viertelstunde vor der Sperrstunde alle nötigt, den Alkohol aus den Körben und vom Kassenband zu nehmen. "Alkohol kriejen Se hier nich mehr, da müssen Se früher uffstehn!" (angro)
  • "Alter!" – "Ja, Mann." – "Heftig!" Die Kameras der Jungs klicken im Takt des Blaulichts. Im Laufschritt bahnen sie sich ihren Weg vorbei an Feuerwehrautos, hüpfen durch große Pfützen, schlängeln sich vorbei an dicken, gelben Schläuchen. Klick, klick, klick. Eine Sirene heult. "Krass, Mann!" – "Ja, Mann!" (als)
  • Zwei Union-Fans kommen vom Stadion, alles rot-weiß an ihnen, selbst die Nasen, weils kalt ist. Sagt der eine in schönstem Sächsisch zum anderen: "Ich bin zehn Jahre in Berlin, was macht man da an so 'nem Jubiläum?" Der andere, der Mundart nach echter Berliner: "'Ne Currywurst essen gehen." – "Geht nicht, ist Dienstag." Dann verschwinden sie um die Ecke. Ich werde nie erfahren, warum Dienstag und Currywurst sich ausschließen. (angro)
  • Montagmorgen, 7.03 Uhr: Vor dem Fenster wächst, begleitet von lautem Hämmern und Bohren, ein Gerüst die Wand hinauf. "Fuck!" Eine große Hand klopft am Fenster. "Hallo?" Der zur Hand gehörige Kopf lugt vorsichtig hinein. "Hab ich durch Ihre Wand gebohrt?" (als)
  • Postkarte Charlottenburg. Der Mops in der Mommsenstraße. Mehr ist eigentlich nicht zu sagen, außer: beide teuer. (angro)
  • Postkarte, Marquartstein. Es regnet, manchmal reibt etwas Hagel die Geräuschkulisse zusätzlich auf. Im Hintergrund säuselt John Lennon: „We’re afraid of everyone / Afraid of the sun / Isolation.“ Auf den Bergen leuchtet Schnee. Es ist so kalt, dass sich die Hände mit dem Halten der Zigarette abwechseln, damit sich eine in die Achselhöhle schmiegen kann. „Nicht mehr rauchen“, sagt Mama ins Telefon. Ach,ne. (sk)
  • Postkarte Thälmannpark. Das Graffiti auf dem Sockel des die Faust ballenden Ernst Thälmann hat sich über Nacht von FIST zu FUCK verändert. Eine Ratte kommt um die Ecke, einen gelben Strohhalm in der Schnauze, den sie – wie ein Artist auf dem Hochseil seine Stange – über den Weg ins Gebüsch balanciert. (angro)
  • Als ich durch die menschenleere Großbeerenstraße laufe, schreit einer vom Balkon: "Das nächste Mal schlage ich dir den Kopf ein!" Ich bin mir nicht so sicher, dass ich nicht gemeint bin. (angro)
  • Während die Stadt noch schläft, schleiche ich umher, sauge sie ein. Die Raben sind kleiner, die Straßen sauberer, die Häuschen weniger konform – ein grenzenlos-architektonischer Mix. Der Tau bedenkt Sitzbänke mit mikroskopischkleinen Wassertropfen. Gefühlt jeder Dritte, der schon unterwegs ist, führt um 6.30 Uhr morgens seinen Golden Retriever aus. Malmö ist schön. (kla)
  • Als wäre die Welt in Ruhe gehüllt und dass wir schweigen zu teuer erkauft mit Nichtstun. Ist dieses Leben ein endloser Flur mit immergleichen Türen? Wenn ja, führt nur eine nach draußen. Wir gehen ab und zu mal vorbei. (tah)
  • „Als meine Mutter starb, habe ich ihre Stoffe geerbt. Die meisten sind nur ein Stück groß. Perfekt für Masken. Wenn die Kinder mich nerven, setze ich mich an die Maschine und nähe.“ (sk)
  • „Was soll der Scheiß? Ich will, dass ihr um euer Leben rennt! Das ist alles scheiße! Ich meine euch alle. Spielt um eure Ehre! Schluss mit dem Theater jetzt. Ihr seid keine Kinder mehr!“ Die Elfjährigen nicken. (sk)
  • Boing, boing, boing, boing. Tack, psssssss, tack, pssss, tack psssssssssss, argh, tak, psss, boing. „Verdammte Scheiße!“ – „Weiterkämpfen, Jasper! Bis zum letzten Punkt kämpfen!“ (sk)
  • 20.15 Uhr kann die Kassiererin der Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park ihren Drang nach unverstellter Unfreundlichkeit nicht mehr zügeln: "Maske auf!", bellt sie und eine Minute später: "Schuhe aus!" (angro)
  • Im Vorgartengefängnis stehen die Rollrasenhalme stramm hinter Buchsbaummauern. Geranien in Reih und Glied erlauben sich kein welkes Blatt. Unbarmherzig weist der Gärtner in die Schranken, was aus der Reihe tanzt. Widerständiges Unkraut wird isoliert – die Revolution im Keim erstickt. Nur der Birnbaum rebelliert. Trotzig lässt er reife Früchte in die Einfahrt fallen. (als)
  • "Kann ich 'ne Zigarette haben?" Ein hoffnungsvoller Unterton und stechend blaue Augen bohren sich in meine rauchfreie Brust. Die Sonne schiebt sich langsam hinter dem Fernsehturm Richtung Boden, und die warmen Stimmen der Meute färben die Luft hellorange. Fast fühlt es sich an wie früher, aber nur fast. FMD
  • Fernweh mit ungewissem Ausgang. Zerknautschte Taschenbücher werden aus den Bücherregalen gezogen, während feiner Sand aus den vom Meerwasser wellig gewordenen Seiten rieselt. Portugiesischer Sand, der an den Schuhen scheuerte, an Sonnencreme klebte oder sich zwischen den Seiten der Urlaubslektüre versteckte. Nun lassen uns diese Bücher aus vergangenen Ferien in eine andere Zeit versinken. (vb)
  • Die beiden Kugeln an der krummen Schnur, die ganz still runterhängt von dem Balkonblumenkasten, als wäre frühester Morgen und die Herbstsonne nicht schon längst aufgegangen – die gelbe hat den Sommer nicht überstanden, die rote ist überzogen mit Schmutz, getrocknetem Wasser und Erde, als wenn sie sich mit den Resten der warmen Tage eingepackt hätte für die nun schon kalten Nächte. 8:00 Uhr (ls)
  • Eine Frau mit dunklem Kopftuch, mit dem Handy am linken Ohr laut telefonierend und mit der rechten Hand ihren elektrischen Rollstuhl über ein Display steuernd, überquert noch in letzter Sekunde surrend die Badstraßenampel, ehe die auf Gelb lauernden SUVs sie über den Haufen fahren können. (angro)
  • Die Eiswürfel schmelzen ziemlich langsam. Der Abdruck des billigen Korbstuhls aus geflochtenem Plastik zeichnet sich auf der jugendlichen Haut ihrer beiden Mädchen ab. Mit schnellem Griff nimmt sie die Speisekarte, wendet sich dem Boden zu. Sorgfältig zerteilt sie die Wespe mit der scharfen Kante der Karte; zerdrückt das Insekt fast genussvoll auf dem Asphalt. (fh)
  • Postkarte Wittwesee. Das Wasser reicht mir bis zur Brust und ich kann den Dreck unter meinen Fußnägeln am Grund sehen. Kein anderer hier. Angstlust. Davor, dass ich Wasser atme, mich eine Wespe in den Mund sticht oder ich mir an einer Wurzel die Stirn aufschlage. Nach zwei Schwimmzügen besiegt. (angro)
  • Postkarte Südtirol. Hunderte Male haben sie hier gestanden, die großen und die kleinen Besten der Welt. Und ich. Mit meiner Schwester Rennen gefahren. Wer gewonnen hat? Wer weiß das schon. Hauptsache heiße Dampfnudeln danach. Zum ersten Mal hier ohne sie. Der Blick in die Berge macht melancholisch – wie der ins Feuer oder auf die hohe See. (lite)
  • Postkarte Lübecker Bucht: Wir wollen ans Meer und landen an der Ostsee. Auf der Fahrt lesen wir in der Zeitung, dass in „diesem seltsamen Sommer viele Urlauber ihre Heimat neu entdecken“. Wir gehen vor dem Frühstück baden und trinken abends Wein am Strand. Alles, was wir entdecken, ist, dass wir kein Talent für Minigolf haben. (tb)
  • Postkarte Rhein. Sandstrand. Um die nächste Flussschleife der Loreley-Felsen. Am Rhein großgeworden. Ruderverein: Bloß nicht die Hand ins Wasser strecken! 1988 ein Umweltminister im Gummianzug im Fluss. Die Brühe enthielt Phosphate, Nitrate. Es ging aber gar nicht um Politik, sondern um eine verlorene Wette … Jetzt: Schwimmer, Wasserski, Stand Up Paddles und in der Fahrrinne die großen Lastkähne. Das erste Bad im Rhein. (uav)
  • Postkarte Deutschland. Kaiserpfalz Ludwigs des Frommen, Pharmaindustrie, Weinberge; Mogontiacum: Hauptstadt der Provinz Germanien; Familiensitz der Rheinromantiker; Bischofssitz seit dem 4. Jh., Kaiserdom, Schatz im Rhein; Spargel und Sommerresidenz: Rokokotheater und Moschee; Reiter als Idealbild des mittelalterlichen Ritters, einziges Papstgrab nördlich der Alpen; Festspiele: Wahn, Wahn und Eremitage: Sonnentempel, Ruinentheater. (uav)
  • Postkarte Dresden. Unsere Freundschaft ist dieses Jahr 18 geworden, wir immer noch Kinder. Immer noch telefonieren, immer noch Kirby und Peach bei Super Smash Bros. Immer noch in der Lage, über 300 Pokémon aufzuzählen. Umgezogen, mehrmals. Trotzdem immer da gewesen. Am Telefon, in Fotos, vor Ort. Wir erinnern einander daran, wie wir als Kinder waren, holen uns die damalige Leichtigkeit zurück. (kla)
  • Postkarte Strandbad Weissensee, Mitternacht: Die Sternschnuppen sind hier dünner und blasser als auf dem Land und kommen optisch den Flugzeugen im Landeanflug ins Gehege. Baden ist seit 19 Uhr verboten. Das Verbot zu übertreten, hindert nur das Wasser, das an schlierendurchsetzte Abwaschplörre erinnert. (angro)
  • Postkarte aus dem südöstlich gelegenen Westen: Chaotisch schimpfen Banausen die hiesigen Zustände, verwirrend die Verkehrsführung. Man kann sich verlieren in diesen pittoresken, schier endlosen ockerfarbenen Gassen. Die Luft steht, es ist staubig, wenige Freiräume laden zum Verweilen. Doch es gibt so viel zu entdecken, was wohl hinter den schmalen Fenstern dieser aufgetürmten Kartonage steckt? (brk)
  • Postkarte Oderbruch, Mittwochmitternacht: Auf der Tischtennisplatte liegen und die Sternschnuppen mit langen Schweifen fallen sehen – über die Milchstraße zischend oder durch den Großen Wagen durchrauschend. Es sind so viele, dass die Wünsche allmählich profan werden. (angro)
  • "Bride to be", glitzert es von der weißen Maske. Ringsherum siebe Pinke – ins Krisengespräch vertieft: "Eigentlich sollte es in der Regio Sekt geben. Aber mit Maske?" Mit Verschwörermiene kramt eine in ihrer Tasche. "Ist ja eigentlich verboten. Hab ich auf Vorrat gekauft“. Und, schwupps, ist das kostbare Gut in Piccolo-Fläschchen versenkt. „Strohhalme! Britta, du hast uns gerettet!“ (als)
  • Postkarte, Werbellinsee, Samstag 14:30 Uhr: Der Apérol steigt mir schnell zu Kopf während meine Füße im heißen Baggerseesand vor sich hin fläzen. Ich schließe meine Augen und habe fast das Gefühl, in Italien am Strand zu liegen. Wäre da nicht der Geruch der Rostbratwürste der Nachbarn und das laute Geplärr von Eltern, die ihre Kinder am Strand darauf hinweisen, ja nicht vom Steg ins Wasser zu springen. (sazo)
  • „Tut das weh?“ – „Ja.“ – „Wie ist es hier?“ – „Ja!“ Es schmatzt in meiner Mundhöhle. Die Gummihandschuhfinger fahren über die Innenseite meiner Backen, fühlen Muskelstränge, drücken Schmerzpunkte. Jede Woche komme ich wieder. Die Schmerzen werden nicht besser, aber die Entspannung danach ist süß. Absurd, wieviel Training Entspannung erfordert. Abends habe ich Kiefermuskelkater. (sk)
  • 528 frage ich. 582 sagt er. Ich steige ein. Eigentlich kann ich mir kein Taxi leisten. Leer sind die Strassen. Rechts blinken unzählige winzige Lichter in der Nacht. 1:30 zeigt die Anzeige der Uhr, 18 das Taxometer. Zwanzig Minuten später heute, ok ja? Habe noch einen Fahrgast, telefoniert er. Eine Frauenstimme wiederholt zwanzig Minuten ok, ja, ok. Thai Massage steht auf dem Display. (fh)
  • Postkarte, Liepnitzsee, 1. August: Die Tatsache, dass in der Bahn Fahrräder übereinandergestapelt werden, um alle Ausflugswilligen unterzubringen, hat uns nicht ausreichend beunruhigt. Aber am Ufer wird wieder gestapelt. Wir traben weiter durch den Wald und finden ein Gewässer, dass auf Google Maps nur „Seechen“ heißt. Hier: ein schmaler Steg und ein verlassenes Ruderboot, in dem wir den restlichen Tag nackt sitzen bleiben. (sk)
  • Eine Minute vor Mitternacht stürmt Polizei in die REWE-Filiale an der Prenzlauer Allee, und die Anführerin der drei Uniformierten ruft in die Halle: "Hier wurde ein Überfall gemeldet." Achselzucken von Kunden und Verkäuferin: "Hier war nüscht." – "Aber jemand von Ihnen muss doch den Überfallknopf betätigt haben?" – "Ick hab hier keenen", sagt die Verkäuferin und kassiert seelenruhig weiter ab. (angro)
  • Postkarte München, Sonntag, 12:30 Uhr: Im königlichen Hirschgarten trägt man Tracht. Und Maske. Die darf am Tisch abgenommen werden, um Bier und Haxe in die Mundhöhle zu schieben. 70 Prozent der Biergartenbesucher*innen sind betrunken. Wir werden belächelt mit unserer Weißwurstfrühstückbestellung. Gut, dass die Blaskapelle anfängt zu tröten. Ein Gruppenname leuchtet von den Notenständern: „Blechreiz“. (sk)
  • Postkarte Arneburg/Elbe, 20. Juli 2020: Die Frau in der Touristeninformation am völlig leeren Marktplatz, die zu der durchnässten Wanderin sagt: "Taxi für Sie gibt es hier nicht, die werden für Dialysepatienten gebraucht." (angro)
  • 1000 g Mehl, 800 ml Wasser, 30 g Salz. Widerspenstig versucht der Teig, an meinen Fingern kleben zu bleiben. Ich lasse ihn durch meine Hände wandern, werfe ihn vor und zurück, falte und lasse ihn ruhen. So verbringen wir den Rest des Tages miteinander. Nur mit sanften Händen lässt er sich formen. Jede falsche Bewegung hinterlässt Spuren. (sazo)
  • Große Tropfen prasseln vom Himmel herunter, treffen erst auf das Jeanshemd, bevor sie die Birkenstöcke glitschig werden lassen und schließlich den Asphalt erreichen. Hemd aus, Schuhe in die Hand, weiterlaufen. Links Menschen, unter einem Vordach, trocken. In ihren Blicken mischt sich Erheiterung mit Mitleid und Bewunderung. (kla)tschnass
  • Zwei musizierende Flaneure ziehen durch die Straßen. Der Alte hat vor dem dicken Bauch ein Akkordeon, der Junge spielt Trompete. Aus den Fenstern ringsherum recken sich die Köpfe. Eine alte Frau auf dem Balkon klatscht beseelt. Nebenan hüpft ein Kind im Takt der Musik. Ein letzter Tusch, ein letzter Applaus. Das Duo biegt um die Ecke. Morgen kommen sie wieder. (als)
  • Normalitätsupdate: Das schlechte Gewissen bei der Online-Shoppe ist verflogen, allabendlicher Applaus, Trinkgeld und kontaktlose Übergabe an der Haustür ebenso. Der einst systemrelevante Lieferheld auch, Pakete landen nun konsequent zwei bis zwanzig Häuser weiter, die Benachrichtigung wird per Brief zugestellt. Immerhin. (brk)
  • Pfrrrtz. Ein dicker Klecks Desinfektionsgel landet auf den faltigen Händen der Großmutter. Noch einmal: Pfrrrtz. Jetzt ist die Mutter dran. Während die Hände den Klecks verteilen, schmatzt es. Fehlt nur noch das Kind. Pfrrrrrrrrttzzz! Unter fröhlichem Glucksen landet die Hälfte im Buggy. (als)
  • Katharina Grosse denkt in Farben und in großen Bögen. Es ist Malerei, die sich schon lange von der Leinwand emanzipiert hat. Ihre Ausstellung It Wasn't Us ist bis zum 10. Januar 2021 in und um den Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. (angro)
  • Hamsterkauf-Update: Im Real Ring-Center II herrscht Gefasstheit, das Einkaufsradio ist hier noch nicht dem Zynismus in der Songauswahl anderer Märkte verfallen. Die Einkaufswagenpflicht erschwert Abstandsgebote in den Gängen und erneut zeigt sich, was deutsche Seelen wirklich brauchen: TELEFUNKEN LED 80CM SMART HD TV und KATJES WUNDERLAND DEUTSCHLAND WEINGUMMIS SIND AUSVERKAUFT. (brk)    
  • Hamsterkauf: Kaufland Victoria Center Berlin. Das Regal für die Bio-Brotbackmischung Energiebrot vegan ist leer, im Einkaufsradio erinnert Coldplays Smash-Hit "The Scientist" daran, dass niemand gesagt hat, es würde einfach werden. (brk)
  • "Lille, komm da runter!" – die Stimme der Barfüßigen klingt streng. Lille will nicht. Sie thront mit verschränkten Armen auf dem Schoß von Käthe Kollwitz und streckt der anderen die Zunge raus. "Lille!" Keine Reaktion. "Ich sag’s Papa." Lille guckt unsicher. "Papaa, wir sind bei Käthe Kollwitz!" Langsam rutscht Lille die Statue runter. Die Barfüßige triumphiert: "Das ist nichts für Babys!" (als)
  • "Sind Sie nicht zu alt für Flutschfinger?", fragt das Kind. Seitdem die bohrende Frage nach erwachsenem Eis. Klar, Schlumpfeis ist für Kinder. Mokka für Erwachsene. Vanille ist erwachsener als Erdbeere, und Amarena-Kirsch schmeckt erst mit grauem Haar. Doch was ist mit Heidelbeer-Butterkeks oder Zitrone-Minze? Eiskalt erwischt. (als)
  • Zwei Männer stehen im Aufzug zum S-Bahn-Gleis. "Wir haben Corona!", schreit der kleinere durch seinen Mundschutz. Der größere drückt vehement auf den Aufzugsknopf. Die Frau, die ihren Sohn auf dem Rad hineinrollen will, sieht erstaunt zu, wie sich die Tür vor ihr schließt. "Gestern waren bestimmt neun Leute im Aufzug", sagt der Kleine. Zufrieden fassen sich die zwei an ihre Käppis und nicken sich zu. (nischa)

  • 05.06.20: Beauty / Healthcare / Baby: Zopfhalter. Tiernahrung / Tabak / Drogerie / Haushalt: KLC.Toipa3lg. Fashion / Accessoires: TL He.Retro3er. Mopro / Kaese / Eier: KBio.ESL-Milch 3,8, KLC.Schni. 125g. Nahrungsmittel: KLC.Fusilli, KLC.Studentenfutt., Corny Schoko-Bana., KPesto Genovese, K.Pesto Calabrese. Suesswaren: Kinder Riegel. Summe: 28,52. (sk)
  • Gegen Abend geht uns im Garten die Waldohreule auf den Geist, weil sie unsere dystopischen Diskussionen mit ihrem traurigen Fiepen beständig zu illustrieren versucht. Dass es eine Asio otus ist und ihr Fiepen Ausdruck der Bettelflugphase eines Jungtiers, wissen wir freilich nur von einer App. (angro)
  • Der Blick aufs Handgelenk verrät, dass seine Zeit abgelaufen ist. Stumm treffen sich Blicke, bevor einer aufsteht und sich räuspert. Gehen. Für nichts anderes scheint jetzt der Moment zu sein. Oder bleiben, doch dafür ist es schon zu spät. Keiner regt sich, beide zögern. Wer ist jetzt dran? Der eine kneift die Lippen zusammen, der andere denkt nur noch an sie. Erwartungen stehen im Weg. (lite)
  • Eine Frau setzt sich mir gegenüber. Ich ziehe meine Beine angespannt zurück.  Eine Träne verschwindet unter ihrer Maske. Sie sieht mich an. Ihre Augen strahlen eine Sehnsucht aus. Eine Sehnsucht nach Erinnerungen, die schon längst in den tiefen Winkeln ihres Gedächtnisses verschwunden sind. Was bleibt, ist ihre Suche nach einer Vergangenheit, die sich nicht mehr zurückholen lässt. (sazo)
  • Gegenüber liegt Tarantino. Um ihn ist es still geworden – in ihm auch. Tarantino ist verschlossen, verhangen, verwahrlost. Es regt sich nichts. Da sind Poster seiner Filme, aber keine Handlungen. Da stehen Tische und Stühle, aber kein Publikum. Tarantino ist eine Bar – und zu. Es knallt nichts außer dem Geschirr beim Vietnamesen nebenan. (bal)
  • An einer Ecke Kreuzbergs macht ein Plakat durch seinen rätselhaften Charakter auf sich aufmerksam. In Fraktur geschriebene Worte breiten sich wie Städtenamen auf einer Landkarte aus und überschneiden sich manchmal. "Einzeltäter", sagen sie. 193 Mal "Einzeltäter". 193 Mal markieren sie, wo seit 1990 in Deutschland rechte Opfer ermordet wurden. Seit Hanau sind es elf mehr. (ft)
  • Designerschwarze Masken und OP-grüne. Masken mit Punkten, mit Streifen, mit Gummis, mit Schleifen. Und darüber: müde Augen und verweinte. Grimmig dreinschauende und pollenrote. Glücklich glänzende und konzentrierte. Maskenhafte Gesichter. (als)
  • Der Weg von der S-Bahn zum Olympiabad ist ein Gang durch eine Diktatur, unendlich lange Wege, riesige Räume, bis man – inzwischen zu einem ganz kleinen Insekt geschrumpft – am Eingang zum Bad ankommt und jegliches Selbstbewusstsein verloren hat. Kann ich überhaupt noch schwimmen? (angro)
  • Sie tat es schon vor der Isolation, vor der Langeweile, vor der Transformation von Hefe zum Luxusgut. Und manchmal macht die Ungewissheit, ob es gelingt, sie immer noch nervös. Sie geht mit ihren kräftigen Händen in den Teig, ist ganz nah bei ihm und schenkt ihm ihre Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, er werde geschmeidig und glatt. Aber er ist anspruchsvoll und widerspenstig, oft sogar nachtragend. Also weiterkneten. (vb)
  • Das sanfte Einrasten des Schlosses, als die Haustür hinter mir zufiel, gab den Auftakt für die Sintflut. Wie auf Knopfdruck begannen literweise dicke, warme Regentropfen aus dem Himmel zu fallen, der sich zu später Stunde orange färbte. Binnen Sekunden begannen die Straßen, die Gehwege und Autos spiegelgleich zu glänzen. Die Luft, dick und feucht, färbte sich für einen Wimpernschlag lang Gold.
  • Eben noch saßen wir im Ufercafé. Richtungslos und gelangweilt. Aber wir mochten unsere Langeweile – und lachten viel. Lachten einfach so, über dies und das. Und gerade, als wir endlich übereinkamen, dass an diesem Leben absolut gar nichts mehr zu machen sei, schwamm draußen eine Ente gegen den Strom, kämpfte, breitete ihre Flügel aus und flog weg. Eine Ente! Da schämten wir uns. (tah)
  • jetzt, wo die schritte begrenzt sind, ihr echo / die frage nach dem sinn / allen treibens heraufsteigen lässt / aus dem morast / greift um sich das haltlose / nach jedem verdorrten schilf / die ursuppe, sie schluppt / und zieht vergnügt / ihre blasen / gewiss, der untergang / noch jeden anfang überschattend / ist immer unser hüter (jasch)
  • Der bordeauxrote Pass, der, um bei dem windigen Wetter nicht wegzufliegen, mit einem Stein beschwert auf einer Yogamatte liegt, die einer Frau gehört, die mit angestrengtem Gesicht meditierend vor einem an die Mauer eines Hauses in der Linienstraße gelehnten Schild sitzt, auf dem "GEGEN IMPFPFLICHT!" steht. (angro)
  • Homeoffice With A View: Die Balkonmauer, mein Stehpult, breit genug für ein Notizbuch und ein schmales Tablet – mit Aussicht auf alles und jeden in meiner kleinen Straße, besonders auf die Köpfe der Passanten, die direkt unter ihr herlaufen (wobei das manchmal keine schönen Aussichten sind, aber niemand kann sich sein Haupthaar aussuchen und darin liegt schon fast etwas Grundgerechtes). (ls)
  • Homeoffice With A View: Die Balkonmauer, mein Stehpult, breit genug für ein Notizbuch und ein schmales Tablet – mit Aussicht auf alles und jeden in meiner kleinen Straße, besonders auf die Köpfe der Passanten, die direkt unter ihr herlaufen (wobei das manchmal keine schönen Aussichten sind, aber niemand kann sich sein Haupthaar aussuchen und darin liegt schon fast etwas Grundgerechtes). (ls)
  • Location unknown, 1956 © Estate of Vivian Maier, Courtesy Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, New York.
  • Teile der aktuellen Ausstellung Vivian Maier – Works in Color übersetzt das Amsterdamer Fotografie-Museum Foam digital auf seinem Instagram-Channel. Die erst nach ihrem Tod 2009 berühmt gewordene amerikanische Nanny und Inkognito-Straßenfotografin ist hier mit ihren Colorworks zu sehen. IG @foam_amsterdam #vivianmaier #foamathome (reis)  
  • Der schwer gebeugte alte Mann, der mit abgewetzter Aktentasche und vollem Einkaufsbeutel von REWE kommend die Grellstraße überquert und dabei im Rhythmus seiner Schritte ein beständiges "Arschficken, Arschficken" unter der Maske hervorstößt, als treibe ihn die Sprache an, schneller nach Hause zu kommen. (angro)
  • Gewissheit und Vermissen im Zweikampf. Der Blick schweift über den Hinterhof zur Seitenstraße. Jedes beleuchtete Fenster, die Musik in den Wohnungen der Nachbarn, die kalte Luft, alles eine unerwünschte und gleichzeitig willkommene Ablenkung. Noch ein Schluck Rotwein. Die Gedanken schweifen zu schönen Erinnerungen, zu Freunden. Der Moment ist vorbei. (kla)
  • ∞ Vor oder in, Stunden oder Tage. Eigentlich egal, wo alles zu einem Meer von Gegenwart geworden ist. Als Trost bleibt die Hoffnung, dass die Zeit, die für die einen verschwimmt, sich für andere verfestigt – als gewonnene Lebenszeit. Eine Stunde, ein Tag, ein Jahr, ein Leben – egal. Hauptsache ein kleines bisschen mehr. Dann wird es das alles wert gewesen sein. Wenn es irgendwann wieder Zeit gibt. (sera)